Gudrun Brüne – die Frau davor, daneben, dahinter in einer 50jährigen Künstlerbeziehung.
15. 03. 1941 Berlin – 25. 01. 2025, Neuruppin.
Die Malerin Gudrun Brüne hat 50 Jahre und ein paar Tage mit dem Maler Bernhard Heisig zusammengelebt. Weil die Beziehung 1961 mit Brünes Bewerbung für das Studium an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, an der Bernhard Heisig damals Prorektor war, begonnen hatte, kam es über diesen Anfang schnell zu Gerüchten. Gudrun Brüne war damals 20 Jahre alt, ausgesprochen gut aussehend, und Bernhard Heisig seit der Scheidung von der Mutter seiner beiden Söhne Johannes und Walter seit fünf Jahren Single. Sie hatte die Prüfung für das Fach Malerei nicht bestanden. So kam es, dass Mitstudenten von damals der Frau unterstellten, dass sie mit ihren „Waffen“ nachgeholfen habe. Oder sie unterstellten dem Mann, dass er von Anfang an die Frau sah und nicht die Studentin. Andererseits musste er handeln, denn Gudrun Brüne erklärte nach der Verkündung, dass sie die Eignungsprüfung nicht bestanden habe, sich das Leben nehmen zu wollen. – Wieviel von dieser Geschichte erfunden, wieviel Wahrheit ist, wird sich kaum zweifelsfrei feststellen lassen. Die Legendenbildung hat schon lange begonnen.
Mögen beide fürs künstlerische Arbeiten um Distanz bemüht gewesen sein, in den ersten Bildern von Gudrun Brüne sah der Betrachter die Handschrift Heisigs. Das zeigte sich schon darin, dass sie ebenfalls die Primamalerei und nicht die Schichtenmalerei verwendete. Der Pinselstrich ist erkennbar, leichte pastose Passagen geben dem Bild nicht nur Zeichnung, sondern auch Struktur, dazu kommt der Eindruck des Spontanen und der Atmosphäre, wie es die Impressionisten liebten.
Bis in die 70er Jahre hinein akzeptierte Heisigs Lebenspartnerin ihre Rolle als Schülerin eines großen Lehrers. Auch wenn sie nicht dessen Namen trug, zeigte ihre Kunst, dass sie die Malerin an der Seite von Heisig war. Darin lag ein unausgesprochener Vorwurf ihrer Kritiker, und er dürfte Grund ihrer Unzufriedenheit gewesen sein, der andere war ihr künstlerischer Ehrgeiz. Sie suchte nach einem eigenen Weg in der Malerei.
Als Bernhard Heisig den Wechsel des Malstils in den Bildern von Gudrun Brüne zum ersten Mal wahrnahm, bedauerte er ihn, versuchte aber niemals darauf Einfluss zu nehmen, dass sie zur alten Malweise zurückkehrt.
Wie viele Künstler, große Künstler, hat es gegeben, die die Kunstausübung ihrer Frauen zu beeinflussen suchten oder gar zu verbieten. Francoise Gilot, Picassos dritte Frau, hat sich von dem Mann, mit dem sie zwei Kinder hatte, getrennt, weil sie fürchtete, Picasso ersticke ihr künstlerisches Talent. Bernhard Heisig besaß die Größe, Gudrun Brünes Werk, als es zu einem sichtbar eigenen geworden war, anzuerkennen. Und die Brüne ging ihren Weg. Über Jahre waren Puppen ihr Markenzeichen, danach vor allem Masken. Zwei Grundmetaphern für die Menschen unserer Zeit.
Nach ihren Worten hat ihre eigene Entwicklung die Beziehung nie ernsthaft belastet. Waren für Heisig die großen Maler aus der ersten Hälfte seines Jahrhunderts, vor allem Max Beckmann, Lovis Corinth und Oskar Kokoschka prägend, waren es bei Gudrun Brüne Paula Modersohn-Becker, die ihr Bernhard Heisig empfohlen hatte, Frida Kahlo und von den ersten Künstlerinnen der Kunstgeschichte Artemisia Gentileschi, die bedeutendste Malerin des italienischen Barocks. An dieser Wahl lässt sich etwas ablesen: Gudrun Brüne war eine der Ersten in der Kunstszene, erst in der DDR und später im wiedervereinigten Land, die sich von feministischen Positionen leiten ließ.
Für den Weg, als Künstlerin die eigene Stimme zu finden, kam ihr ein Zufall zur Hilfe. Sie hatte oft die Tochter ihrer Schwester, die sie nach dem Krebs-Tod der Schwester adoptierte, zu Besuch. Um für das Kind eine Gelegenheit zum Spielen zu finden, suchte sie auf dem Dachboden und fand die Puppen ihrer Kinderzeit. Das erste Puppenbild entstand 1977 und heißt „Meine alten Puppen“. Danach durchzieht für viele Jahre das Motiv der Puppe ihre Bilder. Sie erkannte in der Puppe als figürliche Nachbildung menschlichen Wesens einen universellen Sinnträger. Ihr „Puppen-Theater“ entwickelte sie zu einem Welt-Theater. Die Puppen durften auf der Bildleinwand viele Stücke spielen. Eine Adaption von Picassos Guernica-Bild gestaltete sie 2011 mit Puppen-Köpfen.
Willi Sitte aus dem benachbarten Halle, Freund der Familie Heisig und als Hochschullehrer an der Kunsthochschule Giebichenstein engagiert, warb Gudrun Brüne als Dozentin. Ab 1977 arbeitete sie in Halle. Die versprochene Professur ging in den Wendejahren unter. Sie beendete ihre Lehrtätigkeit 1999 an der Hochschule Giebichenstein nach 22 Jahren mit einer kritischen Bilanz und sprach vom Dilettantismus, den sie nicht mehr verantworten wolle.
1990 hatten Bernhard Heisig und sie die Ehe geschlossen. Sie war so wenig vorgesehen wie gemeinsame Kinder. Die zwölf Jahre, die ihr nach dem Abschied von Halle und der Verlegung des Lebensmittelpunkts ins Havelland bis zu Heisigs Tod 2011 blieben, beschrieb Gudrun Brüne als wunderbare Zeit. In diese Zeit fielen viele eigene Ausstellungen. Sie gehörte lange Zeit zu den wenigen Künstlerinnen, von denen ostdeutsche Museen Werke ankauften.
Am 25. Januar 2025 ist Gudrun Brüne im Alter von fast 84 Jahren wenige Wochen vor dem hundertsten Geburtstag von Bernhard Heisig gestorben. Sie wurde auf dem Friedhof von Strohdehne neben Bernhard Heisig bestattet.