Tübke.
Einer der bedeutensten Maler der DDR
30. 07. 1929 Schönebeck – 27. 05. 2004 Leipzig
Werner Tübke wurde am 30. Juli 1929 in Schönebeck an der Elbe geboren. Er war einer der bedeutendsten Maler der DDR und darüber hinaus. Er gehörte mit Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Heinz Zander zur sogenannten Leipziger Schule. Werner Tübke wurde vor allem durch sein Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen über die Bauernkriege im 16. Jahrhundert sehr populär.
Sein sinnbildreicher, geradezu symbolistischer Stil mit vielen Rückbezügen auf die Renaissance-Malerei stieß auf heftige Kritik bei Funktionären. So wurde seine Entlassung aus dem Dienst der Hochschule für Grafik und Buchkunst im Jahre 1968 nur durch den Protest seiner Studenten verhindert.
Den Kollegen Werner Tübke lernte ich, Rainer Schade, 1972 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst zu Leipzig näher kennen. Kollege sage ich, da er uns schon früh als Kollegen ansprach und auch behandelte. Meine Kommilitonen und ich waren gespannt und sehr froh, ihn als Mensch näher kennenlernen zu dürfen. Im Rahmen des intensiven Grundlagenstudiums lehrte er uns das Zeichnen und auch die traditionelle Technik des Malens. Dabei war er uns ein übergroßes Vorbild. Dennoch achtete er darauf, dass wir unseren eigenen Weg zur Kunst finden würden.
Morgens, pünktlich 8.00 Uhr, betrat er unser Atelier und wenn ihm der Raum unaufgeräumt vorkam, verließ er ihn wieder mit der Ansage: „In zehn Minuten ist hier gekehrt und aufgeräumt“. Die Parameter waren gesetzt. Manche von uns trugen übrigens weiße Kittel.
Seine Korrekturen machte er meistens auf unseren Zeichenblättern temporeich und mit größter Routine. Wir konnten nur staunen.
Natürlich war dies ein Ansporn für jeden von uns. Einige verfielen vor Begeisterung in einen „Tübke-Stil“, was Werner Tübke überhaupt nicht ausstehen konnte. Als geschickter Pädagoge lobte er die für uns sehr dilettantisch erscheinenden Versuche seiner Schützlinge und kritisierte die für uns sehr artifiziell daherkommenden Zeichnungen seiner kleinen Epigonen. Wir verstanden die Welt nicht mehr. Ein produktiver Streit war somit initiiert.
An einem sehr kalten Dezembertag sagte Tübke zu mir: „Herr Schade, halten sie mal ihre Hand aus dem Fenster, sie sind mir zu geschickt…“. Solche Botschaften haben natürlich gesessen.
Pünktlich mittags lief er dann quer durch den Clara Park in seine Wohnung, zum Mittagstisch und seinem Mittagsschlaf. Etwa 14.00 Uhr war der Meister frisch wieder vor Ort.
Auch das gehörte dazu, nach intensiven Arbeitstagen kam es manchmal am späten Nachmittag zu persönlicheren Gesprächen, inspiriert durch eine Flasche Rotwein oder einen Klaren. Diese Getränke gingen bei ca. acht Personen ziemlich schnell zur Neige und so schickte der frisch berufene Professor zwei Gesprächspartner ausgestattet mit einigen Scheinen, um Nachschub im Hause zu holen. Manchmal gelang es einigen in der feuchtfröhlichen Runde, sich seine museumsreifen Korrekturen signieren zu lassen…
Bei diesen Gelegenheiten erfuhren wir auch, dass er mitunter, obwohl an dem Wandbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ in der Universität arbeitend, noch bis in die Nacht fernsah, wie selbstverständlich auch ARD oder ZDF, um bestens informiert zu sein. Manchmal berichtete er von seinen Studienreisen nach Italien, wir hörten mit glänzenden Augen gern zu. So wurde er für uns zu einer Lichtgestalt, welche man eben nur nicht nachahmen sollte.
Die Leipziger Kunsthochschule war schon zu dieser Zeit eine Insel der Seligen im ideologisch durchdrungenen DDR-Mief. Wir hatten Heisig als Meister der Farbe, Mattheuer als Meister des kritischen Denkens und Tübke als Meister der Linie und des durchkomponierten Bildes.
1988 bereiste Tübke zum ersten Mal die USA. Die unruhigen Wende-Jahre verarbeitete er in Bildern wie Herbst ’89 (1990) und Verwirrung (1991) und reflektierte seine eigene Vergangenheit 1993 in Der alte Narr ist tot. Während der 1990er Jahre gestaltete er noch zwei größere Werke: das Bühnenbild und die Kostüme zu Giancarlo del Monacos Inszenierung von Webers Freischütz in Bonn 1993, sowie den Flügelaltar von St. Salvatoris zu Clausthal-Zellerfeld im Oberharz; aufgrund der explizit religiösen Motive gilt es als eines seiner intimsten Werke.
Er spielte leidenschaftlich gern mit seiner dritten Frau Brigitte und Handwerkern Skat, aber er verlor nicht gern. Die Patenschaft für den Löwen Arthur im Leipziger Zoo war ihm eine Herzensangelegenheit. Mit Jägerhut, Lodenmantel und Dackel schritt er gern forsch durch das Rosental.
1998 folgten letzte Reisen, vor allem nach Italien. Nach schwerer Erkrankung verstarb er am 27. Mai 2004 in Leipzig.
Sein Lebenswerk stiftete Werner Tübke testamentarisch dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Im Mai 2006 wurde die Tübke Stiftung Leipzig ins Leben gerufen.
Seine Werke werden in einer Dauerausstellung in seinem ehemaligen Domizil und Atelier, der Villa Tübke in der Leipziger Springerstraße 5, präsentiert.