Schriftstellerin
22.02.1918 Breslau (Schlesien) - 28.05.2000 Leipzig
Es ist nicht vielen Schriftstellerinnen beziehungsweise Lyrikerinnen gelungen einen Text zu verfassen, bei dem den Zuhörern bereits nach dem Beginn des ersten Verses der gesamte Text einfällt, untermalt von einer zu Herzen gehenden Geigenmusik:
„Einmal wissen dieses bleibt für immer
Ist nicht Rausch, der schon die Nacht verklagt
Ist nicht Farbenschmelz noch Kerzenschimmer
Von dem Grau des Morges längst verjagt.“
Endend mit der Zeile:
„Flieg ich durch die Welt“
Obwohl, kaum zu glauben, Hildegard Maria Rauchfuß diesen Text bereits 1945 verfasste und er Bestandteil ihres 1959 erschienenen ersten Lyrikbandes „So anders fällt das Licht“ war, wurde „ Am Fenster“ 1974 durch City - eine der bekanntesten Rockgruppen der DDR - vertont und eroberte unmittelbar nach Erscheinen 1977 die Musikwelt.
Hildegard Maria Rauchfuß wurde am 22.2.1918 in Breslau geboren. Dort verbringt sie die Kindheit und Jugendjahre; der Vater, Offizier, erzieht streng, die Mutter, der Kunst und Kultur zugetan, überträgt diese Liebe auf die Tochter. Sie erhält eine Gesangsausbildung und schreibt Gedichte. Der faschistische Terror, der jeglichen zivilisierten gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstört, löst permanent traumatische Erinnerungen aus, unlöschbar brennt sich die Deportation der Freundin nach Auschwitz ein. Im 1968 erschienenem Werk „Schlesisches Himmelreich“ widerspiegelt sich diese Erlebniszeit.
Im Winter 1947, nach einer Zwischenstation in Bad Warmbrunn, kommt Hildegard Maria Rauchfuß nach Leipzig, in die Stadt, die ihr vollkommen fremd war, aber zu ihrem Zuhause für mehr als 50 Jahre wird. Sie beginnt als Buchhalterin zu arbeiten, bewirbt sich beim Mitteldeutschen Rundfunk als Ansagerin, wird wegen ihrer nicht tief genug klingenden Stimme abgelehnt, bekommt dort jedoch eine Tätigkeit in der Sendung Schatzkästle.
Literarisch hoch produktiv, geradezu wie im Rausch, sprudeln die Erzählungen:
1949 „Revolutionsétude“ über die Beziehung zwischen Frederic Chopin und George Sand,
„Jahrmarkt“ und „Das schilfgrüne Kleid“.
1952 erscheint „Gewitter überm großen Fluß“. Selbiges prasselt auch über sie persönlich hernieder. Obwohl die DDR erst drei Jahre existiert, zeigt sie bereits, dass das zweite D nicht für demokratische, sondern für dekadent steht.
Hildegard Maria Rauchfuß wird entlassen, weil beim RIAS Texte von ihr gelesen werden. Sie, die sich mit ihren Nachbarn Ernst Bloch, Wieland Hertzfelde und seinem Bruder John Heartfield berät, lässt sich nicht unterkriegen, sondern fungiert ab dieser Zeit als freischaffende Künstlerin. Der Erfolg beweist die Richtigkeit dieses Schrittes.
1953 erblickt der erste Roman das Licht der Welt „Wem die Steine Antwort geben“, eine Geschichte über den Wiederaufbau des Dresdner Zwingers, 1954 folgt „Besiegte Schatten“, eine Beschreibung des Kampfes gegen die Tuberkulose. Beide Romane erzählen aktuelle Geschehnisse.
Ihr Oeuvre weitete sich, ab 1963 wurde sie Autorin des Leipziger Kabaretts Pfeffermühle, ab Mitte der 70er Jahre schrieb sie für Gisela May, Fred Delmare und Fred Frohberg. Ihre enge Verbindung zur Musik dokumentiert sich ebenso im 1976 erschienenen „War ich zu taktlos, Felix“, ein Zwiegespräch zwischen Hildegard Maria Rauchfuß und Felix Mendelssohn Bartholdy.
1986 wendet sie sich im Roman „Schlußstrich“ erneut einem hochaktuellen Thema zu, dem Alkoholmissbrauch in der DDR.
Vaterländischer Verdienstorden, Johannes R. Becher Medaille, Kunstpreis der Stadt Leipzig beweisen die Anerkennung der Verdienste Ihrer künstlerischen Genialität.
Traurigkeit und pures Unverständnis hinterlässt das Agieren des Freistaates Sachsen, der bis heute als Fiskalerbe der am 28.5.2000 verstorbenen und auf dem Südfriedhof in Leipzig beigesetzten Hildegard Maria Rauchfuß jährliche Lizenzgebühren im fünfstelligen Bereich einnimmt, ihr jedoch nicht geholfen hat, der Privatinsolvenz zu entgehen. Dank gebührt dem Stadtarchiv Leipzig, das den Nachlass dieser großartigen Künstlerin aus der Insolvenzmasse erworben hat.