Unveröffentlichte Zeichnungen von Max Schwimmer

Quelle: Stadtbibliothek Leipzig

Rede Klaus Pezold
Schwimmer als Pressezeichner

Schwimmer-Ehrung 11.12.2025

Max Schwimmer als Freund Heinrich Wiegands

Der Lebensweg von Max Schwimmer und der des Musik- und Literaturkritikers Heinrich Wiegand, die beide jeweils eine eigenständige wichtige Rolle im kulturellen Leben Leipzigs vor 1933 gespielt haben, weisen viele Parallelen und Überschneidungen auf  und haben  vor allem in der Zeit nach 1925 eine  produktive freundschaftliche Gemeinsamkeit zwischen ihnen entstehen lassen, an die ich heute und  hier kurz erinnern möchte. Beide wurden 1895 in Leipzig geboren, beide  kamen als Vierzehnjährige an das Königlich-sächsische Lehrer-bildungsseminar in Connewitz. Wiegand wegen seines Geburtstages im Februar allerdings schon ein Jahr vor Schwimmer, so dass sie am Institut zu  zwei verschiedenen Jahrgängen gehörten und keine direkten Klassenkameraden gewesen sind.  Beide absolvierten danach ihre Hilfslehrerzeit an sächsischen Dorfschulen, die für Wiegand jedoch 1916 mit der Einberufung zum Kriegsdienst vorzeitig endete.  Zu einer neuen und nun weitaus direkteren Begegnung zwischen Schwimmer und Wiegand kam es  nach Kriegsende in Leipzig im Umkreis der Aktivitäten Hans Reimanns. Beide arbeiteten nach ihren speziellen Möglichkeiten sowohl an dessen satirischem Wochenblatt „Der Drache“ als auch beim Kabarett Retorte mit, und nahmen dabei voneinander Notiz. Politisch gingen sie den gleichen Weg. Beide folgten Hans Georg Richter 1924 vom Leipziger Tageblatt zur LVZ und wurden Mitglied der SPD . Und beide  -Schwimmer 1924, Wiegand 1928 – gaben die materielle Sicherheit des Lehrerberufes auf, um sich voll dem widmen zu können, wozu sie sich berufen fühlten,  Bei Wiegands Ringen um diese Entscheidung war  Max Schwimmer ein erfahrener Beratungspartner, bei dem er auf Verständnis und Empathie bauen konnte, wenn ihn die Verzweiflung über seine Situation zu übermannen drohte. In einem Brief an Hermann Hesse aus dem April 1928  gibt er mit der Schilderung eines seiner Tage – nicht ohne Selbstironie – davon Zeugnis:

„Morgens hatte ich 5 Stunden Schule und ging mit den Bedauernswerten  in den Park, keinen Augenblick verstummte der Anruf meines Namens … Danach fuhr ich in die Redaktion, wo ich schon morgens gegen 7 gewesen war, um ein Theaterreferat in Satz zugeben  und die Korrektur eines am nämlichen Tag illus-triert erscheinenden und mir am Herzen liegenden Aufsatzes über Karrusselzie-her, Wundermenschen, Vogelwiesen zu lesen, weil er von mir selber war („Ozeanflug der kleinen Leute“ heißt er). In der Redaktion traf ich den Zeichner … und ging mit ihm essen, das Essen war sehr dumm und machte keine Freude, deshalb gingen wir Kaffeetrinken zusammen und dann spazieren und dann in ein Antiquariat und dann zu einem Abschiedstrunk, und zuletzt war die Mitternacht lange vorüber, als wir uns trennten.“

Eine Szene gewissermaßen aus einer Leipziger La Boheme  der zwanziger Jahre, die  gleichzeitig auf zweierlei verweist: zum Einem auf die freundschaft-liche Nähe  Wiegands zu Schwimmer, für die ebenso spricht, dass beide gemeinsam mit ihren Frauen um diese Zeit einen Ausflug nach Naumburg unternahmen, von dem aus sie einen von Schwimmer gezeichneten Gruß an Hermann Hesse schickten,. Zum anderen auf ihre  gemeinsame Arbeit, die Wiegand besonders wichtig gewesen ist. Der erwähnte Aufsatz „Ozeanflug der kleinen Leute“ ist ein Beispiel für  ihren bedeutenden Beitrag zu Moderni-sierungsbestrebungen der LVZ in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre durch die Einführung von Reportagen, die – nach dem Urteil des Presse-Historikers Jürgen Schlimper – „in der Kombination von Text und künstlerisch gestalteter Grafik im typischen Schwimmer-Stil dem Leser ein für die Tageszeitung ungewöhnliches ästhetisches Erlebnis bescherten.“  (Erstmals erschien 1927 ein solcher Beitrag, 1928 bereits neun, teilweise unter  Pseudonymen Wiegands.

Nach Schlimpers Meinung gewann das Parteiblatt der SPD durch diese neue publizistische Form  „auch erstmals journalistische Lockerheit“ und fand einen journalistischen Stil, „der trotz ernster sozialer Probleme in der Stadt und im Land dem Leben auch heitere und ironische Seiten abzugewinnen verstand.“   Mehrfach wiederkehrende Themen waren Beobachtungen im Zoo, die Welt des  Zirkus und des Rummelplatzes, Orte einfacher Vergnügungen – wie auch das damals moderne Automatenrestaurant - , mit denen viele Leser eigenes Erleben verbinden konnten. Andererseits wurde ihr Interesse auf  Leipziger Besonder-heiten  gelenkt: die Unterwelt des Hauptbahnhofs,  die neue  Großmarkthalle                                                                  , den Bühnenbereich des NeuenTheaters oder die Technische Messe. Offensichtlich mit besonderem Vergnügen nutzte Wiegand den Beitrag Schwimmers auch für eine Artikelserie, in der er sich satirisch mit der deutsch- nationalen Wagnerbegeisterung auseinanderzusetzen versucht hat.

Diese in der LVZ begonnene intensive Zusammenarbeit von Schreiber und Zeichner erreichte ihren Höhepunkt, nachdem Heinrich Wiegand 1932 die redaktionelle Verantwortung für die Zeitschrift „Kulturwille. Monatsblätter für Kultur der Arbeiterschaft“ übernommen hatte. An diesem ursprünglich  als Mitteilungsblatt für die Abonnenten des Arbeiterbildungsinstituts gegründeten Publikationsorgan hatten  Wiegand und Schwimmer bereits zuvor schon unabhängig voneinander mitgearbeitet. (Schwimmer hatte vor allem Fotomon-tagen nach dem Vorbild Jon Heartfields beigesteuert), Im Debutheft Heinrich Wiegands (Juni 1932)  gelang die Verbindung von Text und Zeichnung nun auf einem überzeugenden neuen Niveau. Editorial und Titelblatt korrespondierten jetzt bei der Umsetzung des gewählten übergreifenden Themas „Nachklang der Goethefeiern“ direkt miteinander.                                                                           Der 100.Todestag Goethes war 1932  auf eine Weise begangen worden, die nach der Ansicht Wiegands keine eindeutige und kraftvolle Reaktion auf die Bedroh-ung der Weimarer Demokratie durch den Hitlerfaschismus hatte erkennen las sen  Nicht  nur dass in Weimar der völkische Autor Erwin Kolbenheyer  den                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Versuch hatte unternehmen können, „Goethe , das Musterbeispiel internatio-nalen Denkens, als nationalistischen Kleinbürger zu verfälschen“ , war für Wiegand inakzeptabel , auch die Veranstaltung von Stadt, Universität und Reichsgericht   im Leipziger Neuen Theater  mit der akademischen Festrede von Prof. Hermann August Korff hatte ihm Unbehagen bereitet – inszeniert worden war eine pathetisch-traditionalistische Nationalfeier. Sein Fazit: „Nichts wird von dieser Feier, wie sie nicht sein soll, in der Erinnerung bleiben als der Anblick, den der aufgehende Vorhang enthüllte: Die Bühne erfüllt von den Paullinern und Chargierten mit Fahnen, im Hintergrund eine Goethe-Büste. … Wir sahen zwei Stunden lang  die Goethe-Büste verdunkelt von den Kommilitonen. Manchmal öffnete ich die Augen, ob sich der arme Goethe nicht verwandelt und aus den schwarzen Röcken braune Hemden geworden wären.“

Ein reichliches halbes Jahr später war Wiegands Albtraum bittere Realität.    . Die Konsequenzen aus der Machtübernahme des deutschen Faschismus waren für ihn noch folgenschwerer als für Max Schwimmer. Mit dem Verbot von LVZ, ABI und Kulturwillen verlor er mit einem Schlag seine Existenzgrundlage. Und er musste wegen seines publizistischen Auftretens gegen die Hitlerbewegung auch mit Schlimmerem rechnen. Am 10. März verließ er Leipzig. Er hatte, wie er nach seiner Ankunft in St. Gallen an Hesse schrieb, „Gründe genug“ gehabt, seine „Abreise zu beschleunigen“.            

Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Montagnola als Gast Hermann Hesses reiste Wiegand weiter nach Lerici bei Spezia in Italien zu seinem Freund Ossip Kalenter, wo er wieder mit seiner Frau zusammentraf. Sein plötzlicher Tod am 25. Januar 1934 beendete eine schwierige Exilantenexistenz, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Unbedingt erwähnt werden muss aber noch die Reaktion  Max Schwimmers. Tief betroffen vom Tod des Freundes, schuf er 1934  ein Ölgemälde „In Memoriam Heinrich Wiegand“. Und was er sonst noch gern getan hätte, steht in seinem Beileidsbrief an dessen Witwe :„Wenn ich die Mittel hätte, würde ich seine  Arbeiten herausgeben, weil ich meine, daß für alle die, die nichts von ihm wissen, ein Band Heinrich Wiegand doch ein beglückender Regenbogen dieses fragmentarischen Lebens sein müßte.“

Zu Lebzeiten Schwimmers erfüllte sich dieser Wunsch nicht. Als aber 2012  der Leipziger Lehmstedt Verlag erstmals einen Band „Gesammelte Publizistik“ von Heinrich Wiegand herausbrachte, war er posthum  doch noch an dieser Ehrung des Freundes beteiligt, denn von ihm stammt die Porträtzeichnung auf dem Buchumschlag.

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