Am 8. Mai 2026 wurde um 15 Uhr in der Windmühlenstraße 16 in Leipzig feierlich eine Gedenkplakette für die Autorin und Dozentin am Literaturinstitut, Trude Richter, enthüllt.
Die Künstlerspur und Rosas Salon aus erinnern am letzten Wohnhaus der Schriftstellerin in Leipzig an ihr außergewöhnliches Leben zwischen politischer Hoffnung, Verfolgung und literarischer Leistung.
Trude Richter war die erste Sekretärin des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Gemeinsam mit ihrem Mann Hans Günther emigrierte sie 1934 in die Sowjetunion. Beide hofften dort auf Schutz vor dem Nationalsozialismus und auf bessere Bedingungen für ihr politisches und künstlerisches Wirken. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht.
1937 wurden Trude Richter und ihr Mann in ihrer Moskauer Wohnung verhaftet. Richter geriet allein deshalb in die Mühlen des stalinistischen Terrors, weil se sich zufällig in der Wohnung befand. Für beide begann der Weg in den Gulag. Hans Günther starb bereits 1938 in der Lagerhaft. Trude Richter hingegen überlebte die Jahre der Verfolgung, wurde aber erst 1957 durch Intervention von Anna Seghers aus dem sowjetischen Lagersystem befreit. Anschließend kehrte sie nach Deutschland zurück.
In der DDR hatte man sie zu diesem Zeitpunkt längst für tot gehalten – daher auch der Titel ihrer Erinnerungen „Totgesagt“. Das Werk konnte über drei Jahrzehnte nicht erscheinen, da selbst eine Erwähnung des stalinistischen Gulag-Systems politisch nicht opportun war. Erst nach Richters Tod im Jahr 1989 wurde das Buch 1990 im Mitteldeutschen Verlag veröffentlicht.
Bemerkenswert ist der Ton des Buches: Trude Richter schildert ihre Jahre in der Sowjetunion ohne Bitterkeit und ohne Hass. Gerade diese Haltung macht „Totgesagt“ zu einem außergewöhnlichen Zeitdokument.
Die Gedenkveranstaltung in Leipzig würdigte diese beeindruckende Lebensgeschichte auf vielfältige Weise. Dagmar Winklhofer-Bülow führte durch das Programm. Dr. Helmuth Markov gab einen kurzen Abriss über die Haltung und das Wirken Trude Richters. Anschließend las Elli Neuhaus die bewegende Passage aus „Totgesagt“, in der Trude Richter vom Tod ihres Mannes erfährt.
Den feierlichen Abschluss bildete eine von der renommierten Mezzosopranistin Alexandra Röserler auf Russisch gesungene Arie aus der Oper „Eugen Onegin“ nach Alexander Puschkin. Eine besondere Hommage an Trude Richter, die die russische Musik zeitlebens liebte.
Für den guten Ton sorgte – wie immer – Nils Knappick.
Dagmar Winklhofer-Bülow
Heute ist der 8.Mai 2026. Das war in der DDR der Feiertag, an dem wir die Befreiung vom Hitlerregime begingen. Ein symbolträchtiger Tag, der für Trude Richter erst ab 1958 ein Tag in Freiheit sein konnte.
Bis dahin waren Kunst und Menschen ihre Lebensmittel, die ihr halfen, den Gulag zu überstehen. Wir gedenken hier einer Frau, die lebenslang zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein scheint:
Auf der Flucht vor den Nazis fliehen sie und ihr Mann, ein kommunistischer Volkswirtschaftler, in die vermeintlich sichere und beschützende Sowjetunion.
Als ihr Mann 1937 in Moskau von Tschekisten verhaftet werden sollte, war sie zufällig auch in der gemeinsamen Wohnung. Sie wurde einfach mitverhaftet und bekam 5 Jahre Gulag. Aber erst nach 20 Jahren – 1957 - kam sie durch Druck aus der DDR, besonders von Anna Seghers, frei.
Sie kam nun in ein Land, in dem alle wichtigen Aufgaben bereits „verteilt“ waren. Ihr alter Chef beim Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, Johannes R. Becher, war mittlerweile längst der DDR-Kulturminister. Er half ihr, dass sie eine Dozentur an der großartigen Schriftstellerschmiede der DDR - dem Literaturinstitut in Leipzig - bekam. War sie dort richtig? Sie war die letzten 20 Jahre mit dem puren Überleben beschäftigt gewesen. Aber die Welt hatte sich weitergedreht. Studenten, die sie in Literaturgeschichte unterrichtete, sagten später, sie habe in ihren Lehrveranstaltungen doch schon eine sehr klassische, traditionelle - um nicht zu sagen stalinistische - Literaturauffassung vertreten.
In der Stadt Leipzig war sie ein hoch geachtetes, ja wegen ihrer außergewöhnlichen Liebenswürdigkeit, ihrer Menschlichkeit und Empathie sogar ein wirklich verehrtes Mitglied der großen Literaturszene. Alle wussten, dass es ihre Memoiren gab. Aber die wurden nicht veröffentlicht. Ein erster Band erschien unter dem Titel „Die Plakette“ im Mitteldeutschen Verlag. Die heikle Zeit – unverschuldet im sowjetischen Gulag – enthielt er nicht. Das war für DDR-Kulturpolitiker ein unüberwindliches Tabu. Die Entscheidung über das Erscheinen dieser Memoiren lag beim obersten Kulturpolitiker der DDR, Professor Kurt Hager persönlich. Zweimal lehnte er eine Veröffentlichung des Manuskripts strikt ab. Beim 3. Mal – weitere 20 Jahre später und erst Ende der 80er Jahre – hatte der Verlag zu einer der vielen damals angesagten kulturpolitischen Listen gegriffen: Es wurde eine neue Reihe im Verlag etabliert, in der man die Biografie von Max Hoelz und die von Trude Richter gleichsam verstecken wollte. Trotzdem brauchte das Buch von Trude Richter drei Herausgeber, zwei gut gelittene Wissenschaftler und den erfahrenen Autor und Herausgeber Manfred Jendryschik. Er hielt uns im Verlag stets auf dem Laufenden, denn Trude Richter ging es 1989 immer schlechter. Sie sagte: „Das neue Jahrzehnt kommt und ich gehe.“ Und so war es:
Die friedliche Revolution Ende 1989 setzte ganz andere aktuelle Akzente als die Vergangenheitsbewältigung der DDR. Endlich hatten wir im Mitteldeutschen Verlag die Druckgenehmigung aus Berlin und das Buch wäre unter anderen Umständen ein großer Erfolg bei den Lesern geworden. Aber es war zu spät: Trude Richter starb, ohne ihr Buch „Totgesagt“ – dessen Titel ich als frisch gewählte Cheflektorin des Verlages kreiert hatte – noch in den Händen gehalten zu haben. Kurz darauf wurden Bücher aus DDR-Verlagen wie Abfall auf die Felder gekarrt, weil niemand sie mehr kaufen wollte. Ein letztes Mal war Trude Richter zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.
Das alles wissend, haben wir ihr mit der Künstlerspur Leipzig am 19. November 1924 unsere allererste Veranstaltung gewidmet und schenken ihr heute eine der ersten Plaketten der Künstlerspur.

