Text über den Schriftsteller

Geschrieben und gelesen von Reinhardt O. Cornelius Hahn anlässlich der feierlichen Enthüllung der Gedenktafel der Initiative Künstlerspur Leipzig für den DDR- Schriftsteller Max Walter Schulz.

Das Literaturinstitut war für mich Ende der 70-er Jahre damals eine letzte Chance. Ich war 30 Jahre alt, war nicht mehr Mitglied der SED und ich wurde immatrikuliert. Ein halbes Jahr Direktstudium, danach zu Hause in Halle die Scheidung, mir wurde meine älteste Tochter zugesprochen. Drei Jahre Fernstudium bei Schmidt, Pfeifer, Rothbauer, Szeponik, Hübscher, Zoppeck, egal wie sie hießen, ich war stolz, aber ich war damals ein nasser Trinker, der das nicht zugeben konnte.

Dr. Rothbauer bat mich so etwa nach anderthalb Jahren zu einem Gespräch. Es war kurz und er sagte ziemlich deutlich, sein Bruder sei an der "Trunksucht" verstorben. Ich kam nicht dazu, Dr. Rothbauer, dessen Stilistik-Seminar ich beeindruckend fand, zu bedauern. 

"Gehen Sie zum Direktor, der will mit Ihnen sprechen".

Dort wurde ich ins Arbeitszimmer gebeten. Max Walther Schulz saß hinter dem Schreibtisch, etwas leger in einem Sessel, Stühle mochte er wahrscheinlich nicht. Er fragte mich nach meinem Namen. Ich betonte das O. nach meinem Vornamen Reinhardt, das ich mir über Johannes R. Becher angeeignet hatte. Ich blieb stehen. Er rauchte, erinnere ich mich.

"Sie sind knapp unter der Hälfte der Studientage anwesend".

Ich erzählte etwas über meine Tochter Simone, die damals mein "sozialer" Mantel war, was ich so aber nicht wusste. Der Direktor unterbrach mich:

"Du trinkst" sagte er zu mir. Ich fühlte mich angegriffen, wagte aber nicht zu widersprechen. Redete einige Sätze über das große Rathaus, über den Hauptbahnhof und dass wir uns dort trafen, um über das Studium zu sprechen. 

Ich denke, er stand auf, kam zwei oder drei Schritte auf mich zu.

"Stell das ab. Das bringt dich um und denk an dein Kind. Junge oder Mädchen?"

"Simone, sie ist zehn Jahre alt."

"Kümmere dich um das Kind. Da hast du genug zu tun. Kannst gehen und lass den Alkohol".

Das war es eigentlich. Er sagte auch nicht Schnaps oder Bier und ließ mich gehen. Ich war damals tief betroffen. Es war eine Gemengelage zwischen Wut und Scham. Jedenfalls war er der erste Mensch, der es mir so deutlich gesagt hatte. Lass den Alkohol...

1982 im Sommer lernte ich meine heutige Frau kennen. Ich war acht Monate "trocken". Am Weihnachtsabend 1983 war die erste Fassung meines Buches "Das erste Glas" fertig. Daraus wurde "Das letzte erste Glas" und im Jahr 1986 wurde daraus ein mächtiger Erfolg. Nach Armut und Bierschaum kamen Honorar und Blumen. 

Diese Menschen damals, die haben mir Würde mit auf den Weg gegeben. Ich wollte immer, dass man mich wahrnimmt. Dafür habe ich mich angestrengt. Es war absolut eine neue soziale Geburt, diese Tat. Ein zweites Leben. Heute nenne ich die fast 45 Jahre, die "nüchterne" Trunkenheit. Es ist besser, sich an und mit Literatur zu besaufen, als durch Alkohol alles zu verlieren, sogar das Leben.

Reinhardt O. Cornelius-Hahn anlässlich der Enthüllung der Plakette für Max Walter Schulz durch die Künstlerspur am 20.08.2026

Schriftsteller Max Walter Schulz, Foto von Tina Richter (Leipzig), Fotograf: Herr Helfried Strauß
R. O. Hahn liest. Leipzig, August 2026
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