Wolfgang Peuker
27.05. 1945 Usti nad Labem ( Tschechien ) - 09.05. 2001 Groß Glienicke.
Text: H. Frieß
Wolfgang Peuker wurde nur knapp 56 Jahre alt. In den 1970er Jahren gehörte der Absolvent der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) zu den vielversprechendsten jungen DDR-Künstlern. Seine letzten beiden Lebensjahrzehnte wurden jedoch überschattet vom verordneten Verschwinden eines monumentalen Wandbildes, das eines seiner Hauptwerke hätte werden können.
Bereits Peukers frühe Arbeiten wurden viel beachtet und teils kontrovers diskutiert. So waren seine Arbeiterporträts und Brigadebilder lebensnäher und weniger heroisch als bis dahin üblich. „Am Freitagabend“ beispielsweise zeigte einen sichtlich erschöpften Arbeiter, biertrinkend und fernsehend.
Wolfgang Peuker
Einen Tabubruch wagte Peuker 1981 mit dem großformatigen Bild „Wände“, einer drastischen Darstellung häuslicher Gewalt. Ende der Siebziger erhielt Peuker einen prestigeträchtigen Großauftrag.
Im Foyer des fast fertigen Gewandhaus-Neubaus sollte er ein riesiges Deckengemälde gestalten, zusammen mit seinem Malerkollegen Sighard Gille. Zur Vorbereitung durften beide nach Spanien reisen, um sich von alten Meistern wie El Greco, Velazquez oder Goya inspirieren zu lassen. Es zeigte sich jedoch, dass die künstlerischen Handschriften von Gille und Peuker nicht zusammenpassten. Schließlich wurde Gille allein damit beauftragt, den schrägen Unterboden des großen Konzertsaals zu bemalen. Peuker bekam die darunterliegende senkrechte Wand zugewiesen, genau gegenüber dem Eingang – eine langgestreckte Fläche von etwa 60 Quadratmetern. Nach etlichen – immer wieder geänderten - Entwürfen im Atelier machte er sich im Dezember 1980 vor Ort ans Werk. Er gab ihm den Titel „Welttheater“. Peuker schwebte eine Allegorie über den Sinn des Leben vor, über das ewige Menschheitsthema Leben und Tod. Das begonnene Bild zeigte einen karnevalistischen Mummenschanz, maskierte Gestalten vor wolkenverhangenem Himmel. Flankiert wurde dieser Totentanz von zahlreichen weiteren Figuren, überlebensgroß, die meisten nackt. Den staatlichen Auftraggebern gefiel das gar nicht. Das düstere Gemälde sei nicht geeignet, die Besucher auf ein festliches Konzerterlebnis einzustimmen. Vor allem der künftige Hausherr Kurt Masur machte sich dafür stark, die Arbeit an dem Bild zu stoppen. Es solle übertüncht und zusätzlich hinter einer Holzverkleidung verborgen werden. Und so geschah es – wenige Wochen vor der Eröffnung des Gewandhauses im Oktober 1981. Peuker selbst wurde in diese Entscheidungen nicht einbezogen. Mehr als vier Jahrzehnte nach diesem Desaster lässt sich kaum noch ausmachen, wer die Verantwortung dafür trug.
Offensichtlich gab es aber nicht den EINEN Schuldigen. Zwar war für die bildkünstlerische Gesamtgestaltung des Gewandhauses eine Beratergruppe installiert worden, bestehend aus SED- und staatlichen Funktionären sowie teils prominenten Kulturschaffenden. Letztlich war es wohl eine verhängnisvolle Mischung aus organisatorischem Chaos, persönlichen Abneigungen, aber auch schlichtem Desinteresse, die für das Peuker-Bild das Aus bedeuteten. Auch soll sich der Chef des Gremiums, HGB-Rektor Bernhard Heisig, um eine klare Position herumgedrückt haben.
In den Medien wurde dieser Eklat bis zur politischen Wende Ende 1989 totgeschwiegen. In den 90er Jahren wurde das Thema dann oft für eine generelle Abrechnung mit der DDR-Kulturpolitik instrumentalisiert. So war die Rede von einem „Willkürakt von Kulturfunktionären“. Der „Spiegel“ sprach 1994 gar von einem „Staatsgeheimnis der untergegangenen DDR“. Erst nach 2000 setzte sich eine differenziertere Sicht durch. Ausschlaggebend waren demnach keine ideologischen, sondern vor allem ästhetische Gründe. 1985 übernahm Peuker in Leipzig noch einmal einen ähnlichen Auftrag: im Bosehaus am Thomaskirchhof. Dem Deckenfresko dort fehlt indes alle Schwermut. Es wurde vielmehr heiter, mit zarten Pastelltönen – angelehnt an italienische Vorbilder aus dem Barock wie Tiepolo und Tintoretto. Noch bis 1989 lehrte Peuker an der HGB. Auch weil ihm dort die erhoffte Professur verweigert wurde, folgte er einem Ruf an die Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Sein in der Hauptstadt
entstandenes Spätwerk wurde dann wieder zunehmend düster. Bis zuletzt kämpfte Wolfgang Peuker für die Freilegung und Restaurierung seines Gewandhaus-Freskos. Noch wenige Wochen vor seinem Tod wandte er sich deshalb an die Leipziger Stadtverwaltung. Ohne Erfolg. Das Bild ist bis heute nicht zu sehen.
Wohnhaus
Grab
Werk
Werk
Bildnis A., Öl auf Hartfaser, Kunsthalle Sparkasse
Werk
Werk
Selbst im Smoking, Öl auf Hartfaser, Kunstforum der Berliner Volksbank GmbH.
© VG Bild-Kunst, Bonn 2012



