Gil Schlesinger
25.03. 1931 Usti nad Labem (Tschechoslowakei) – 25.03. 2024 Pfaffenhofen an der Ilm
Text: Prof. H.-H. Grimmling
Gil Schlesinger wurde 1931 in Aussig in der Tschechoslowakei geboren und wuchs im musisch-intellektuellen Klima eines freisinnig jüdischen Elternhauses auf. In einem Versteck überlebte er mit seiner Mutter und seinem Bruder die schrecklichen Rassenverfolgungen. Nach Kriegsende ging der junge Gil Schlesinger nach Jerusalem. Er war vierzehn. Hier fanden seine ersten Begegnungen mit Künstlern und Kunst, mit Bildern und Museen, mit Malerei statt. Er wohnte zusammen mit dem Künstlerfreund David Szabo, beide genossen erste Aufmerksamkeit von dem Maler Jehuda Bacon.
Nach den schmerzlichen Erfahrungen mit dem faschistischen Deutschland hoffte Gil Schlesingers Mutter, in der neu gegründeten DDR ein besseres Deutschland zu finden und siedelte von Israel dorthin über. 1955 folgte der Sohn mit der gleichen kommunistischen und weltverbessernden Hoffnung.
Das Von-draußen-gekommen-Sein bedeutete nicht einfach bloße Exotik.
Gil Schlesinger war wie ein Bote von dort. In seiner Nähe, und erst recht in seinen Bildern, spürte man ein stilles Rufen. Seine Fremdheit war das Ungebundene, das Freie, als einzig gültiges Kriterium für die Autonomie von Kunst. Dieses Credo galt es für Gil Schlesinger zu hüten, wenn es durch verdunkelnde Enge bedroht schien. Diese Gefahr bestand in der DDR immer, und für Gil Schlesinger war die erneute Auswanderung, diesmal in die Bundesrepublik 1980, eine Form geistiger, ja körperlicher Notwendigkeit. Eine Annäherung an ihn hatte Zeit. Gil Schlesinger hatte eine Art, die einem Zeit ließ, und die zugleich ahnen ließ, dass man auch Zeit hatte mit seiner Kunst, dass man sich Zeit nehmen sollte. In der Verführung, gegen etwas malen und schreiben zu müssen, brüllten viele sich heiser. Nur wenige Künstler versuchten, ihre Identität aus einer wirklich autonomen Bildsprache heraus zu formen. Typisch für die meisten war, sich in einem gesicherten Kontext tradierter Begrifflichkeiten zu bewegen, und sich in vorzeigbaren Traditionsmustern bequem einzurichten. Es waren die erlaubten Dehnbarkeiten von Bildauffassungen, die den doppelten Boden sicherten. Formensprachen, die sich in den durch Abschottung und Enge entstandenen Passmustern behänd plausibel machten. An eine durch Krieg unterbrochene Moderne sollte ein kritischer Expressionismus anschließen, der sich aber durch die Lager des Kalten Krieges in zweierlei Doktrinen teilte. Im Westen dominierte den Markt eine non-figurative Bildauffassung, im Osten glaubten Kulturfunktionäre das Gegenteil mit einem figurativen Realismus nach sowjetischem Vorbild postulieren zu müssen und dem Künstler aufzwingen zu können. Gil Schlesingers Kunst war ohne Netz. Er lebte ohne Verbandsrummel von ihr. Seine einfachen Salti waren delikat und sogar riskant. Seine Malerei erschien wie eine graziöse Kür, mutig, inmitten von Pflichtprogrammen. Und eine lancierte Öffentlichkeit war aus gewöhnlicher und gewohnter Devotheit unfähig, der künstlerischen Note zu applaudieren. Nach den ersten, noch gegenständlichen, abbildhaften Formulierungen, waren GilSchlesingers Bilder, vor allem die wie Partituren entstandenen Pinselzeichnungen, von so poetischer Freiheit, dass sie nichts mehr zu tun hatten mit nur einer Gegenreaktion auf Hermetik und triste Endlichkeit. Sie wirkten wie ein linderndes Lüftchen. Gil Schlesingers Einfluss auf eine jüngere Malergeneration in Leipzig lag vor allem in seiner Identität von Person und Werk. Gerade das ließ ahnen, dass die Welt groß ist und weit, dass es das Paradies durch Malerei gibt. Dieser Umgang mit nichtfigürlicher Abstraktion war an den Schulen der DDR nicht zu lernen. Die Folge war zwangsläufig sein Außenseitertum. Er war als Autodidakt Lehrer ohne Amt und Lehrstuhl.
(Auszug aus: „die umerziehung der vögel“, Mitteldeutscher Verlag Halle, 2008)
Wohnung
Grab
Werk
Werk
„Altweibersommer“ , Mischtechnik/Papier, Quelle: Dannenberg
Werk
Werk
„Damenportrait“, Öl auf Leinwand, Kunsthalle Sparkasse Leipzig





