Zeitgeist
vs. Moderne

Text: Michael Faber

Es geht bei der Betrachtung des Werks des Künstlers um Zeitgeist versus Moderne. Nenne man einen Begründer der literarischen Moderne, so sei es Gustav Flaubert. Der nämlich gab den Ratschlag an seine Kollegen: „Sei ordentlich und gewöhnlich im Leben, wie ein Bourgeois, auf daß du in deinem Werk radikal und originell sein kannst.“

Klar, fallen uns da auch einige Künstlerbiografien ein, wo das Radikale und Antibourgeoise auch Lebensinhalt war. Aber nähern wir uns knapp dem Werk von Gerhard Kurt Müller:

In einer beinahe stoischen Ruhe und bürgerlichen Existenz ertrug er Jahrzehnte lang die großen Kunstdebatten und Kunstmarktorgien sowie Rezeptionskriege um Originalität und Besonderheit. Er schuf zwischen den Debatten – mehrere Werkzäsuren zeigen seinen permanenten Wandel – ein wirklich originäres Werk, nicht austauschbar, selbstredend radikal. Natürlich hat Müller nicht seine Kunst auf schnelle Entropie angelegt: Auf den ersten Blick „witzig“, auf den zweiten schon platt, und bei jeglicher Wiederholung uns Betrachter fast beleidigend. Nein, Müller war daran gelegen, nach einer tiefer gehenden Wahrheit zu suchen. Nichts verbraucht sich so schnell wie das permanente Hecheln nach Überraschung. Und weil dem sogenannten Post-Modernismus von Anfang an das Problem der häufig schon zur Routine erstarrten Überraschung inhärent war, müssten wir wohl nach Betrachtung Müllerscher Werke, sie in dem vorgenannten Sinne als gnadenlos unmodern bezeichnen.

Foto zeigt den Leipziger Maler Gerhard-Kurt Müller. Quelle: Ulrich Windoffer
Gerhard-Kurt Müller

Der Medientheoretiker und Philosoph Boris Groys hat einmal davon gesprochen, dass das Entscheidende in der Ästhetik des ausgehenden 20. Jahrhunderts die Emanzipation der Kunst vom Geschmack war. Der Extremismus als das Bekenntnis zur Geschmacklosigkeit. Wobei die Definition von Geschmack freilich nicht unsere persönlichen Vorlieben meint, sondern destillierten Kanon aus Geschichte in allen Brüchen. Eine maßlose Entwertungswut nach zu vielen Bildern, die sich am Ende gegenseitig annullieren.

Es ist ja ostdeutschen Künstlern immer wieder mal ihr Pathos vorgeworfen worden: Quasi Pathos verus Moderne. Der Medienkritiker Wolfgang Ulrich war so einer, der in Sonderheit Neo Rauch dessen beschuldigt hat. Als müsste man entschuldigen, dass auch in der Freiheit Sinngebung verloren gehen kann. Wenn wir an den Umständen zerbrechen, benötigen wir eben Halt fern von Ideologien oder gesellschaftlicher Grundkompositionen. Sehen, sagt Goethe, ist nichts ohne Denken. Gestalten, formen, malen ist nichts ohne Sinn. Es ist also bei größerer Betrachtung kein Widerspruch, wenn in unseren Zeiten das eigentlich Moderne nicht, oder auch nur sehr unzureichend erkannt wird, und das geistfreiere, marktkonformere, marketingtaugliche, serielle, geschmacksfernere gefeiert wird. Denn alle postmodernen Gesellschaften verwesen schon ein wenig und produzieren ganz nebenbei den Humus für spätere Gesellschaften.

Werk
"Carne vale" (2025)
Werk "Schlafende Frau"

Zeichner, Buchillustrator, Grafiker, plastischer Künstler und Maler.

Gerhard Kurt Müller wurde 1926 als erstes Kind des Maschinenschlossers Kurt Müller und dessen Ehefrau Anna, geborene Moller, in Leipzig-Probstheida geboren. Ein Zeichenlehrer erkannte frühzeitig Müllers künstlerische Begabung. Die sich der Schulzeit anschließende Lehre als Retuscheur erlebte er als Formung von Fähigkeiten. Doch der Verlauf des Zweiten Weltkrieges nahm auch diesem jungen Mann alle Ambitionen und presste ihn in den unmenschlichen Kriegsdienst. 1945 geriet er in Gefangenschaft und kam in das Dépôt von Langres in der Champagne. Obgleich der Straf- und Arbeitsdienst hart waren, wird  ihm die Liebe zu Frankreich ein Leben lang begleiten. Ende 1948 zurück in Leipzig, wird er Student an der Kunstakademie, der heutigen Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo er selbst ab 1961 eine Professur für Grafik und Buchillustration begleitete und von 1964 bis 1966 deren Rektor wird. Danach arbeitete er als freier Künstler.

Orte & Quellen:
Foto der Wohnung: Beuthstraße 57, Leipzig. Foto: Dr. Helmuth Markov
Grabstelle maler Gerhard-Kurt Müller auf dem Südfriedhof Leipzig
Wohnung in der Beuthstraße 57 in Leipzig
Grabstelle aus dem Südfriedhof Leipzig

Für Entdecker haben wir das Wohnhaus in Leipzig in einer Karte gekennzeichnet. 

Es gibt zudem ein interessantes Werkverzeichnis als Online-Katalog, auf das wir gern aufmerksam machen.

Entdecken Sie auch unsere weiteren Beiträge und Veranstaltungen zu Malern auf der Künstlerspur durch Leipzig